Als die junge Frau das schwankende Boot verlassen hatte und wieder festen Boden unter den Füßen verspürte, wurde sie sogleich von einem der Aufseher in Empfang genommen. Der grobe Mann im weißen Kittel würdigte sie keines Blicks und sagte zu ihr: Noch kein Patient, der diese Anstalt betreten hat, hat sie jemals wieder lebendig verlassen. Dann deutete er mit einer oft geübten Handbewegung auf den Wagen, der von einem Pferdegespann gezogen wurde. Der Wagen war mit der Aufschrift Krankentransport versehen, und mit einer Geste, die keinen Widerspruch zuließ, forderte er die junge Frau auf, sich in Bewegung zu setzen. Nelly nahm die große Tasche, die sie abgestellt hatte, wieder an sich und es ging auf den Wagen zu. Sie drehte sich nicht um, sah nicht, ob der Mann lachte oder ihr mitleidig nachsah und wusste auch nicht, ob seine zynische Bemerkung bloß ein scherz gewesen war, oder den Tatsachen entsprach. Gemeinsam mit vier weiteren Frauen stieg sie in den Krankentransport und die Pferde trabten los. Bald kamen sie zu dem Gebäudekomplex, in dem Nellie die nächsten zehn Tage verbringen würde. Aus dem ersten Gebäude drang Gestank, der ihr den Atem nahm. Später wurde ihr klar, dass sie an der Küche der Anstalt vorbeigefahren waren. Und dann sah sie das große Tor. Die Pferde liefen darauf zu, dann hindurch und blieben nach wenigen Metern im Innenhof stehen. Knarrend schloss sich der Außenwelt hinter den Patientinnen. Nelly Bly war im Blackwells Island Lunatic Asylum angekommen. Aber beginnen wir am Anfang.
Nellie Bly war eine amerikanische Journalistin, die im 19. Jahrhundert für ihre mutigen und innovativen Reportagen bekannt wurde. Eine ihrer berühmtesten Arbeiten war “Zehn Tage im Irrenhaus”, in der sie undercover aus einer Frauenpsychiatrie in New York berichtete. Wie kam es zu diesem gewagten Experiment und was hat es bewirkt?
Nellie Bly, deren richtiger Name Elizabeth Jane Cochran war, arbeitete seit 1887 für die Tageszeitung “New York World”, die von dem berühmten Verleger Joseph Pulitzer herausgegeben wurde. Pulitzer war ein Anhänger des sogenannten “Yellow Journalism”, einer sensationsorientierten und oft skandalösen Form des Journalismus, die die Auflage steigern sollte. Er forderte seine Reporter auf, ungewöhnliche und provokante Geschichten zu schreiben, die das öffentliche Interesse wecken würden. Bly war eine der ersten Frauen, die sich in diesem Bereich einen Namen machte. Sie war bereit, sich in gefährliche und herausfordernde Situationen zu begeben, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Eines ihrer ersten Projekte für die “New York World” war, sich in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell’s Island einweisen zu lassen, um die Zustände dort zu untersuchen. Blackwell’s Island (heute Roosevelt’s Island) ist eine Insel im East River, auf der verschiedene öffentliche Einrichtungen wie ein Gefängnis, ein Krankenhaus und eine psychiatrische Anstalt untergebracht waren. Die Psychiatrie hatte einen schlechten Ruf, da sie überfüllt, unterfinanziert und von korrupten und grausamen Mitarbeitern geleitet wurde. Bly wollte herausfinden, wie die Patientinnen dort behandelt wurden und ob es sich um echte Geisteskranke oder nur um unerwünschte Personen handelte, die aus der Gesellschaft entfernt werden sollten.
Um in die Anstalt zu gelangen, musste Bly vorgeben, geisteskrank zu sein. Sie übte vor einem Spiegel, verrückte Gesichtsausdrücke zu machen, und quartierte sich in einer Pension für arbeitende Frauen ein, wo sie sich auffällig benahm. Sie gab vor, an Gedächtnisverlust zu leiden, hörte Stimmen und wurde aggressiv gegenüber den anderen Gästen. Schließlich wurde sie von der Polizei abgeholt und einem Richter vorgeführt, der sie für unzurechnungsfähig erklärte. Sie wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo sie von mehreren Ärzten untersucht wurde, die alle zu dem gleichen Schluss kamen: Sie war geisteskrank und musste in die Irrenanstalt auf Blackwell’s Island geschickt werden.
Dort angekommen, erlebte Bly das Grauen aus erster Hand. Sie wurde in eine schmutzige und kalte Zelle gesperrt, die sie mit mehreren anderen Frauen teilen musste. Die Patientinnen wurden mit schlechtem Essen versorgt, das oft verdorben war. Sie mussten sich in schmutzigem Wasser waschen und wurden mit eiskaltem Wasser übergossen, wenn sie sich nicht benahmen. Sie wurden von den Pflegern geschlagen, beschimpft und gedemütigt. Sie wurden zu sinnlosen Beschäftigungen gezwungen, wie das Nähen von Knöpfen auf leere Stoffstücke. Sie wurden mit Medikamenten vollgepumpt, die sie noch verwirrter machten. Sie wurden von den Ärzten ignoriert oder falsch diagnostiziert. Und sie hatten keine Hoffnung, jemals wieder freizukommen.
Bly entdeckte, dass viele der Patientinnen gar nicht geisteskrank waren, sondern nur Opfer von Armut, Unglück oder Sprachbarrieren. Viele waren Immigrantinnen, die kein Englisch sprachen und nicht verstanden, was mit ihnen geschah. Andere waren Frauen, die von ihren Familien, Ehemännern oder Arbeitgebern loswerden wollten. Einige waren einfach nur krank oder depressiv und brauchten Hilfe statt Isolation. Bly versuchte, mit ihnen zu sprechen und ihnen Mut zu machen, aber sie konnte ihnen nicht helfen.
Nach zehn Tagen wurde Bly von einem Anwalt der “New York World” aus der Anstalt befreit. Sie schrieb eine Reihe von Artikeln über ihre Erfahrungen, die später als Buch veröffentlicht wurden. Ihre Reportage löste einen öffentlichen Aufschrei aus und führte zu einer Untersuchung der Zustände auf Blackwell’s Island. Die Regierung erhöhte das Budget für die Psychiatrie um eine Million Dollar und verbesserte die Behandlung der Patientinnen. Bly wurde als Heldin gefeiert und erhielt viel Anerkennung für ihren Mut und ihre journalistische Leistung.
Nellie Bly war eine Pionierin des investigativen Journalismus und eine Inspiration für viele andere Frauen, die in diesem Bereich arbeiten wollten. Sie zeigte, dass man mit Mut, Einfallsreichtum und Ehrlichkeit die Welt verändern kann. Sie war eine der ersten, die die dunkle Seite der Psychiatrie aufdeckte und die Rechte und Würde der Geisteskranken verteidigte. Sie war eine Frau, die sich nicht von den Grenzen ihrer Zeit und ihres Geschlechts einschränken ließ, sondern ihren eigenen Weg ging. Sie war eine Frau, die Geschichte schrieb.